'der orient ist die wahre mutter europas, und unsere schlummernde sehnsucht geht immer dorthin' - bruno taut

Mittwoch, 11. September 2013

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Abschied und Ankunft

So lange hab ich mich auf das Austauschjahr vorbereitet, so oft war ich gedanklich schon mittendrin und trotzdem kam die Aufregung, das Zweifeln, die Angst erst einen Tag vor der Abreise. Ich bin an diesem Tag stundenlang durch das verregnete Hamburg gelaufen, hab mich von meinen Lieblingsplätzen verabschiedet und nebenbei versucht, dem Gedanken der bevorstehenden Abreise möglichst viel Positives abzugewinnen.
Am Abend war ich noch mit meiner Familie in einem Restaurant in meinem Lieblingsviertel und danach in einer Kneipe. Es war ein schöner Abschied und er hat mir dabei geholfen,
mich auf die Türkei einlassen zu können. Am nächsten Morgen sind wir um 5 Uhr morgens zum Flughafen aufgebrochen. Seltsamerweise war zu diesem Zeitpunkt die Nervosität schon wieder weg und es war ein erleichterndes Gefühl, von der Sicherheitskontrolle in Richtung Gate zu laufen, einfach, weil dieser Moment den Beginn von allem darstellte.
In München haben sich alle Türkei-Fahrer und eine YFU-Betreuerin getroffen und es war einfach so schön, alle wiederzusehen, sich mit ihnen auszutauschen und freuen, auf die Tage in Yenisakran, die uns erwarteten.
Der Anflug auf Izmir war wunderschön...
Ich saß neben Stilla und wir mussten uns jede Sekunde gegenseitig versichern, dass wir wirklich in der Türkei sind, dass es endlich losgeht.

Berge, das Meer und dieses unglaublich riesige Land.
Am Flughafen haben wir zwei Teamer von YFU Türkiye getroffen, die uns willkommen geheißen haben. Danach sind wir in den Zug gestiegen.
Wir waren alle so fasziniert.

Verfallene Altbauten neben modernen Hochhäusern,
riesige Einkaufszentren, kleine türkische Obsthandlungen,
Straßenhunde- und katzen,
Berge,
immer wieder die wunderschöne Küste,
Palmen, Olivenbäume,
und insgesamt soviele Eindrücke und die Hitze, die durch den Meerwind ein wenig erträglicher wurde.

Nach einer Stunde Fahrt sind wir die letzte Etappe mit dem Bus gefahren.
Es war so schön – laute türkisch-orientalische Volksmusik, die positive Aufregung,
die Vorfreude und wieder diese schöne Landschaft.

Bis wir endlich in Afacan ankamen – einem kleinen Paradies.
Afacan ist eine Jugendbegegnungsstätte und ich habe noch nie einen so schönen Ort gesehen. Die Zeit dort war der Wahnsinn.
Wir lagen nachts Cay trinkend unter dem leuchtenden Sternenhimmel,
sind geschwommen in dem durch die Abendsonne glitzernden Mittelmeer,
haben gelacht, getanzt (türkischer Volkstanz), geredet, uns Mut gemacht.




Am vorletzten Tag waren wir in Bergama, an so einer Ausgrabungsstätte..
Ich fand's nicht so interessant, aber auf dem Rückweg haben wir Halt gemacht
in einer türkischen Kleinstadt, wo wir dann 1 Stunde Zeit zum Bummeln hatten.
Stilla und ich haben das erste Mal Cays auf Türkisch bestellt, der Kellner war so begeistert, dass wir den Tee geschenkt bekommen haben und er noch ein Foto von uns gemacht hat.
Achso, und als Stilla dann noch auf Türkisch nach einer Toilette gefragt hat,
wurde sie die ganze Gasse entlang in so ein Extrahaus geführt, und es war, wie so oft, nur ein Loch im Boden mit einer aus einem mit Wasser gefülltem Messbecher bestehenden Spülung. :D

Die Tage in Afacan sind sehr schnell vorbeigegangen und doch haben wir soviel durch die verschiedenen Workshops gelernt.

Am nächsten Morgen sind wir Istanbul-Fahrer um 9 Uhr nach Yenisakran in den Ort reingefahren, wo der Bus hielt, der uns innerhalb von 10 Stunden in die größte Metropole der Türkei bringen sollte.
Es war … unangenehm. Unklimatisiert, eng, stickig, voll.
Und es wurde mit jeder Stunde schlimmer.
Zum Glück hatten wir so superliebe Teamer dabei, die sich so nett um uns gekümmert haben. Nach und nach wurden alle abgegeben, bis nur noch Johannes und ich im Bus saßen. Es war schon dunkel, wir waren schon über den Bosporus rüber und dachten, es würde nicht mehr weit sein.
Erster Eindruck von Istanbul: Man kann sich die Dimensionen hier nicht vorstellen.
Es ist wirklich unglaublich riesig.
Auf den Straßen herrscht ein einziges Gehupe und Gedränge, es sind so viele Menschen unterwegs, nachts, morgens, mittags, IMMER.
Ich dachte wirklich „SOWAS gibt es in Europa???“.. Ich kam mir vor, wie in einer amerikanischen Großstadt.
Achso, nur zur Verbildlichung. Von Eskisehir bis nach Ankara – beides Großstädte -
braucht man circa 2 Stunden.

Von Büyükcekmece bis nach Taksim, da, wo das wirkliche Leben pulsiert, braucht man 2 ½ Stunden.

Zitat YFU-Türkei-Teamer:

„Istanbul ist eine Stadt der Reisenden. Wer in Istanbul überlebt, kann später überall leben – Tokyo, New York, Seoul.“

Nachdem Johannes und ich dann noch eine Etappe mit einem vollgestopften Stadtbus überleben mussten, waren wir endlich da. Ich bin ehrlich, wenn ich sage, dass ich noch nie in meinem Leben so unfassbar fertig war. Zu lange Fahrt, zu viel Neues, zu viele Eindrücke, alles zu riesig.

Dann haben wir endlich unsere Gastfamilien getroffen.
Wir sind dann noch in ein türkisches Restaurant gefahren, obwohl es so spät war,
ich hätte sofort am Tisch einschlafen können. Ich war so froh, als wir endlich zuhause angekommen sind. Ich habe wider Erwarten mein eigenes Zimmer und verstehe mich mit allen Familienmitgliedern sehr gut. Beim Einschlafen und beim Frühstück habe ich Meerblick. Leider kann man in Istanbul nirgendwo schwimmen. Naja, ein paar tun es,
aber allein die Millionen von Quallen, die man auf der Fähre von Europa nach Asien gesehen hat, haben mir gereicht, und das Wasser soll sehr schmutzig sein.
Trotzdem ist es irgendwie schön, so nah dran zu wohnen.
Am nächsten Tag habe ich mich hauptsächlich mit meinen Gastschwestern und den Nachbarskindern beschäftigt... Ich hab ihnen deutsche Zahlen beigebracht und dann einen Zettel bekommen mit „Teacher I love you“ und allen Unterschriften. Süß oder? :D
Neulich sind wir zur etwa 50m entfernten Grundschule gegangen um meine Gastschwester für den nächsten Jahrgang anzumelden.
Da hab ich Johannes getroffen, der mit seinen kleinen Brüdern da war, und Gott, es tat so gut, mit jemand Gleichaltrigem zu reden, der genau das gleiche erlebt.

Vorgestern früh hat uns meine Gastmutter zum Strand gebracht, wo wir 1 ½ Stunden im Café saßen. Danach sind wir, also beide Familien zusammen, zu so einem Fisch-Festival am Meer gegangen. Naja, es war so Straßenfest-mäßig. Überall Essensbuden,
und, naja... wie immer: Türkische Volksmusik.
Es ist wirklich leicht, in Deutschland von Anpassung zu reden, von der ach so schön temperamentvolle türkische Kultur zu schwärmen und trotzdem ist es so schwer, dass dann wirklich umzusetzen. Wenn wirklich JEDER!!! anfängt, diesen türkischen Volkstanz auszuüben, ist das als Deutsche spontan eher befremdlich und unangenehm.
Es ist hier alles soviel undistanzierter, man hat bei jedem Gespräch Körperkontakt, man wird von Menschen, die man eigentlich gar nicht kennt, auf einen Cay eingeladen, es ist sehr viel geselliger und spätestens, wenn die Nachbarn draußen auf dem Boden ihren Cay trinken, merkt man, dass man wirklich in der Türkei ist.

Morgen fahren wir nachmittags zur Schule, um da meine Schuluniform zu kaufen.

Naja, was gibt es sonst noch zu erzählen?

Nationalstolz... wirklich Ü B E R A L L hängen Türkeiflaggen! ÜBERALL!
Und ÜBERALL sieht man Atatürk. Entweder es sind so goldene Statuen, wo drunter steht
„Wie glücklich ich sein kann, dass ich Türke bin“
oder es ist seine Unterschrift auf Autos
oder auf Teegläsern
oder als Tattoo
oder es ist das Poster im Kinderzimmer
oder die Portraits inklusive Biographie in jedem Klassenzimmer



Glücklicherweise hat uns eine ehemalige Austauschschülerin, die ihr Jahr ebenfalls in diesem Ort verbracht hat, mit einem Freund "verkuppelt", der sehr gut Englisch kann, also kenn ich jetzt wenigstens schon einen, der auch auf unsere Schule geht.

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